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Rotbanner Orden - UDSSR



Rotbanner Orden - 35 Artikel gefunden


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Arnsberg | Ist er nicht der Alptraum jedes Zirkusdirektors? Der Clown steht in der Manege, das Publikum auf den Rängen wird ganz still und sehr ernst, und als der Clown dann wieder geht, bricht es in Tränen aus. Irgendetwas stimmt hier nicht. Wahrscheinlich haben wir die falsche Erwartungshaltung an einen Clown. Natürlich, antwortet der berühmteste Clown der Welt bei solchen Gelegenheiten. Er eigne sich nun einmal nicht für Tortenschlachten. Er hatte auch noch nie Lust, dem Publikum Luftballons aus der Tasche zu ziehen. Und wer sagt eigentlich, dass man über Clowns lachen darf? Heute wird Oleg Popow 78 Jahre alt, aber wahrscheinlich wäre er noch immer tief beleidigt, wenn man über ihn lacht. Vielleicht war die ursprünglichste Form des Lachens das Auslachen. Und der Clown war der Ausgelachte schlechthin. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Lachen sei grundsätzlich ein Akt der Freiheit, es kann auch ein Akt von unendlicher Dummheit und Beschränktheit sein. Sage mir, worüber du lachst, und ich sage dir, wer du bist. Aber wer ist Oleg Popow? Äußerlich sieht er vollkommen unverdächtig aus. Ein Clown wie jeder andere, gestreifte Hosen, rote Socken, geschmackloses Sakko, viel zu groß - nein, doch nicht viel zu groß. Oleg Popow war nämlich die längste Zeit seines Lebens ein sowjetischer Clown, und die Sowjetmacht hat ihm verboten, in zu großen Sachen aufzutreten. Vielleicht hat sie gedacht, so ein Clown ist auch nur ein Werktätiger wie du und ich, und ein Werktätiger, der ständig Übergrößen trägt, ist gewissermaßen eine Verhöhnung des Werktätigen. Also ist Popow vielleicht der Clown mit der bestsitzenden Garderobe der Welt. Aber die grellgelbe Perücke und die karierte Mütze könnte nun wirklich jeder tragen. Einerseits. Andererseits ist das völlig ausgeschlossen. Denn die karierte Mütze und die semmelblonden Haare sind Popows Markenzeichen geworden. Der Iwan, oder Iwanuschka, im russischen Märchen hat auch solche blonden Haare. Auch von ihm wusste man nie, ob er nun besonders einfältig oder besonders weise war. Popow also wirft grundsätzlich nicht mit Torten. Höchstens mit Sonnenstrahlen. Aber bevor man mit Sonnenstrahlen werfen kann, muss man sie erst einmal fangen. Darin hat Popow Übung, das macht er ungefähr seit fünfzig Jahren. Und da Sonnenstrahlen ungemein zerbrechlich sind, kann sie auch nicht jeder in die Hand nehmen und festhalten, aber Popow hat Sonnenstrahlenfänger-Hände. Und wie behutsam er sie wieder aufhebt, wenn er einen verloren hat. Aber zuerst hat keiner mitgekriegt, dass er Sonnenstrahlen fangen kann. Da hat er nur mit Bleibuchstaben Umgang gehabt, und wenn einer runterfiel, hat er ihn nicht halb so sanft aufgehoben. Mit den Bleibuchstaben hat er in Moskau „Die Wahrheit“ gedruckt, die „Prawda“. Sie bestand gerade hauptsächlich aus Kriegsmeldungen. Das hält kein Mensch aus ohne ein wenig Abwechslung, und da seine Mit-Setzer zum Artistik-Unterricht gingen, nahmen sie den kleinen Blonden mit. 1944 fand ein großes „Prawda“-Betriebssportfest statt, und danach wollte einer vom Zirkus mit Popow sprechen. Er hatte die „Jungarbeiter“-Vorführung gesehen. Ob er nicht auf die staatliche Zirkusschule wolle? Der Druckereiarbeiter war begeistert, seine Mutter war entsetzt. Zirkusleute hielt sie für strukturelle Alkoholiker, Strandgut des Lebens. Einen Vater hatte Popow nicht mehr. Vor vier Jahren wurde er abgeholt – er starb in Stalins Gefängnissen. Popow begann nach der Schule als Schlappseiltänzer und Jongleur, seine Mutter sah den Jungen auf dem Seil Kegel fangen und war irgendwann sicher, dass ein werdender Alkoholiker da schon längst runtergefallen wäre. Das Leben ist auch nur ein Spezialfall des Seiltanzes, und wer Popow sah, wusste, dass die Balance, die der kleine Mann da oben hielt, nicht nur eine artistische war. Sie war verzweifelt komisch, sie war existenziell. Popow, das war Charlie Chaplin auf dem Seil. Dann ging alles sehr schnell. Der berühmte russische Clown Karrandasch („Bleistift“) wurde krank; Popow vertrat ihn und schon 1955 war er mit dem sowjetischen Staatszirkus in Brüssel. Man fand für ihn augenblicklich eine Wortgruppe, mit der man Abkömmlinge des Kommunismus sonst eher selten bedachte. Ein „Wunder der Subtilität“ sei dieser Clown. Aber er war gar nicht so zerbrechlich wie er aussah. Der Träger des Rotbanner-Ordens, Volkskünstler der Sowjetunion brachte es bis zum Direktor des Moskauer Staatszirkus, was westliche Stimmen meist mit einer gewissen Strenge des Tonfalls vermerken. War der Mann nicht irgendwie staatsnah? Kein Clown ist staatsnah. Kein Clown ist ein (Gegen-)Revolutionär. Das Dissidententum ist seine natürliche Lebensform. Er unterwandert alles, was ihn erdrücken müsste, weil es stärker ist als er. Also vor allem das Leben selbst. Es nahm ihm seine erste Frau. Nun stand er noch metaphysisch-verlorener in der Manege und an ihrem Rand stand eines Tages eine junge Frau, die keinen Sitzplatz mehr bekommen hatte. Der Clown sah sie an und Gabrielle Lehmann aus Franken dachte: Ein Clown schaut dich an, das hat gar nichts zu bedeuten. Der meint nicht dich. Aber dann bat er sie in seine Garderobe. Er sprach perfekt russisch, sie sprach perfekt deutsch, sie verstanden sich ausgezeichnet. Darum wird Oleg Popow aus Moskau jetzt in einem kleinen Dorf in Franken 75 Jahre alt. Er hat keine Sehnsucht nach Russland; die ganze Welt war sein Zuhause und man kann nicht Sehnsucht nach der ganzen Welt haben. Früher hat er die eingefangenen Sonnenstrahlen in seinen Koffer gelegt und ist gegangen. Jeder Mensch hat den Koffer, den er verdient. Aber jetzt macht er das nicht mehr. Warum soll nur Gott etwas über die Menschen ausschütten dürfen, den heiligen Geist oder andere Sachen? Ist ein Clown, gerade ein alter Clown, nicht auch irgendwie gottähnlich? Darum macht Popow den Sonnenkoffer in letzter Zeit meist noch einmal auf und streut die Strahlen über sein Publikum. Und manchmal muss es dann eben weinen. Nein, Oleg geht es gut. Denn dieses Jahr im Mai war er hier in Arnsberg mit dem Gro0en Russischen Staatscircus unterwegs. Und es war einfach super. Ich habe noch nie so gelacht. Auch der Standman Allan Harrison, war einfach super. Die Vorstellung mit dem Sonnenstrahl ist auch genial. Denn man kann es ihm ansehen mit welcher Freude er den Sonnenstrahl fängt und it wie viel Liebe er ihn wieder ins Publikum freilässt.